Bergisch Gladbach: Neue Festnahmen, Hunderte Chat-Teilnehmer, Fesselmaterial: Kindesmissbrauchsfall weitet sich aus

„Es ist das eingetreten, von dem wir alle gehofft haben, dass es nicht eintreten wird: Dass weiter sexueller Missbrauch an Kindern in massivster Form vorgenommen wird.“ Kölns Polizeipräsident Uwe Jacob war die Bestürzung über das, worüber er bei der Pressekonferenz zu berichten hatte, anzumerken.Der Fall massenhaften Kindesmissbrauchs in Bergisch Gladbach und weiteren Orten in Nordrhein-Westfalen und Hessen weitet sich aus – und wird aller Voraussicht nach noch größer werden. Die letztendlichen Dimensionen sind noch vollkommen unklar, erste Information lassen aber Schlimmstes vermuten.Haus in Bergisch Gladbach erneut durchsuchtNachdem in den vergangenen zweieinhalb Wochen bereits vier Männer wegen des Verdachts des schweren sexuellen Missbrauchs sowie des Besitzes und der Verbreitung kinderpornografischer Schriften festgenommen wurden (der stern berichtete), sind den Beamten zwei weitere mutmaßliche Täter ins Netz gegangen, die Kinder sexuell misshandelt und die Taten gefilmt oder fotografiert haben sollen.Kindesmissbrauch 11.45Eine Festnahme sei am Dienstagabend im Bereich Krefeld erfolgt, teilte der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer mit. Der Mann war im Beisein eines Opfers: seines eigenen Kindes. Die Staatsanwaltschaft will noch im Laufe des Mittwochs Haftbefehl beantragen. Der Mann sei geständig, sagte Polizeipräsident Jacob, und habe die Ermittler mit seiner Aussage zu einem weiteren Verdächtigen aus dem Bereich Mönchengladbach geführt. Er wurde noch in der Nacht ebenfalls festgenommen. Weitere Angaben zur Identität der Beschuldigten machten die Behörden nicht.Die Wohnungen der beiden Festgenommen wurden durchsucht. Auch im Wohnhaus und in einem Gartenhaus des 42-jährigen Verdächtigen aus Bergisch Gladbach habe es erneut eine Durchsuchung gegeben, auch mithilfe von sogenannten Datenträgerspürhunden. Dabei seien weitere Speichermedien entdeckt worden, die nach erster Durchsicht „in nicht unerheblichen Ausmaß“ Beweismittel, sprich Missbrauchsdarstellungen, enthalten sollen, hieß es auf der Pressekonferenz.Inzwischen acht Opfer bekannt – gibt es weitere?Die Ermittler stehen in dem Fall vor einer „Mammutaufgabe“, wie Staatsanwalt Bremer beschrieb. In der Besonderen Aufbauorganisation (BAO) „Berg“ der Kölner Polizei arbeiten inzwischen mehr als 130 Polizeibeamte aus ganz Nordrhein-Westfalen im Schichtdienst, allein vier spezialisierte Staatsanwälte sind für den Komplex abgestellt. Polizeipräsident Jacob sprach von einer „besonderen Belastung“ für die eingesetzten Mitarbeiter. Sie müssen die Dateien auf USB-Sticks, Handys oder Festplatten sichten, jedes einzelne Video, jedes einzelne Bild. Exemplarisch führte der Polizeipräsident aus, dass sich alleine auf einem Handy rund 130.000 Bilder und 1300 Videos befinden. „Ein Auswerter beschrieb mir, dass er 100 Tage zur Überprüfung bräuchte, wenn er Tag und Nacht nichts anderes machen würde.“31-Festnahmen nach Kindesmissbrauch in Bergisch Gladbach-6099467127001Die Beamten würden unter anderem durch Gespräche und Supervisionen aufgefangen. Sollten einer der Ermittler die Aufgabe aufgrund der Belastung nicht mehr wahrnehmen können, „ist es selbstverständlich, dass er sofort herausgenommen wird“, so Jacob.+++ Lesen Sie hier die Reportage: „Die furchtbaren Bilder, das Leid der Opfer, die Ausreden der Täter – Menschen im Kampf gegen Kinderpornos“ +++Die bedrückende Arbeit wird der BAO „Berg“ auf lange Sicht nicht ausgehen: Zu den bislang sechs Verdächtigen könnten schon in Kürze zahlreiche weitere kommen. Die Verdächtigen kommunizierten, teils auch anonymisiert, über Messengerdienste untereinander sowie mit Dritten und haben darüber auch Fotos und Videos von sexuellen Misshandlungen der Kinder ausgetauscht.Auf dem genannten Smartphone seien beispielsweise fast 500 Chats mit weit mehr als 100.000 Nachrichten entdeckt worden, dazu eine Pornografie-Chat-Gruppe. Sie hat rund 1800 Mitglieder. „Das heißt jetzt nicht, dass jeder Teilnehmer ein Straftäter ist, aber wir müssen natürlich jeden einzelnen überprüfen“, erklärte Polizeipräsident Jacob und kündigte an, „dass die Polizei in absehbarer Zeit weitere Identifizierungen vornehmen wird“. Dass es neue Beschuldigte geben wird, kann nicht ausgeschlossen werden.“Wir müssen schnell handeln“Auch die Opferzahl von derzeit acht könnte sich in Zukunft noch erhöhen. Es soll sich jeweils um die leiblichen oder die Stiefkinder der Verdächtigen handeln. Das älteste Opfer sei elf Jahre alt, das jüngste nicht einmal ein Jahr – ein Säugling.Die bisher bekannten sexuell missbrauchten Kinder haben offenbar unvorstellbares Leid über sich ergehen lassen müssen: „Wie perfide die Taten im Einzelnen sind, mögen Sie daran erkennen, dass wir umfangreich Sex-‚Spielzeug‘, Fesselmaterial und Liebesbriefe in Kinderhandschrift sichergestellt haben“, beschrieb Jacob. Oberste Priorität für die Ermittler sei es, die bekannten und mögliche weitere Opfer zu schützen. Sollten im Zuge der Ermittlungen neue Taten bekannt werden, werde die Polizei sofort einschreiten, versprach der Polizeipräsident: „Wir müssen schnell handeln, um weitere Missbräuche zu verhindern.“

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