Epidemie in China: Nur wenige Dinge können die Führung in Peking schwächen – das Coronavirus gehört dazu

Bilder von anscheinend toten Menschen in überfüllten Krankenhausgängen, dahingerafft durch das neuartige Coronavirus, Beschreibungen von infizierten, aber unbehandelten Familienmitgliedern und hämische Kommentare über die Regierung in Online-Netzwerken: Was China derzeit erlebt, ist nicht nur der Ausbruch einer Epidemie, deren Ausmaß noch nicht abzusehen ist, sondern auch ein ungewöhnlicher Kontrollverlust von Pekings Machthabern über ihre Bürger. Die sonst so verlässliche Zensur des Internets sowie der Medien versagt – und stellt eine selten dagewesene Bedrohung für Chinas mächtige Parteiführung unter Staatschef Xi Jinping dar.Der reagierte am Dienstag ungewohnt deutlich angesichts der rasanten Ausbreitung des Erregers und charakterisierte die Epidemie als „Dämon“. Es könne nicht zugelassen werden, dass dieser „sich versteckt“. Xi versicherte, dass die chinesische Regierung „immer eine offene, transparente und verantwortungsvolle Haltung hinsichtlich einer zeitnahen Veröffentlichung von Informationen“ eingenommen habe.Atemschutzmasken Deutschland 15.45Coronavirus: Knapp 20 Städte isoliertMehr als 100 Tote, über 4500 bestätigte Infektionen und knapp 20 von der Außenwelt abgeschnittene Städte: Das ist bislang die offizielle Bilanz der Viruserkrankung, die erstmals Ende Dezember in der zentralchinesischen Millionenstadt Wuhan in der Provinz Hubei aufgetreten war. Internationale Wissenschaftler gehen derweil allerdings von mehr als 40.000 Infizierten aus.Doch erst vor gut einer Woche äußerte sich Staatschef Xi überhaupt erstmals zur Bekämpfung der Gesundheitskrise. Zu dieser Zeit wurde die Kritik der Bürger in sozialen Medien wie dem chinesischen Twitter-Äquivalent Weibo erstmals sichtbar: Vorwürfe, dass die Regierung nicht schnell genug gehandelt und die Krankheit verschleppt habe.PAID STERN 2020_05 Virus sucht Wirt 14.54#SilvesteraufderIntensivstationMit der De-facto-Quarantäne ganzer Städte kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest war die Welle des Unmuts im Netz offensichtlich nicht mehr einzudämmen. Am Freitag wurde „Silvester auf der Intensivstation“ zu einem Hashtag-Hit auf Weibo. Menschen schrieben über die „schreckliche Führung“ des Landes und machten sich lustig über den Bürgermeister von Wuhan, der seine Gesichtsmaske falsch herum trug.Der beliebteste Kommentar als Reaktion auf eine jährliche Frühjahrsfestival-Gala des staatlichen Fernsehens war: „Können Sie bitte einen verantwortlichen Führer nach Hubei schicken?“ Mit Ministerpräsdident Li Keqiang reiste am Montag erstmalig ein ranghoher Politiker aus der Hauptstadt in die Krisenregion.Coronavirus Deutschland 12.32Schlechtes Management der Sars-Krise unvergessenNur wenige sind in der Lage, die starke Führung Chinas zu schwächen – ein Virus gehört offenbar dazu. Nach mehreren Skandalen im Gesundheitsbereich – von der Vertuschung von mit Melamin verunreinigter Säuglingsnahrung im Jahr 2008 bis zur Entdeckung von hunderttausenden gefälschter Impfstoffe für Kinder im vergangenen Jahr – sind die Menschen offenbar nicht mehr bereit, der Führung in Peking bedingungslos zu vertrauen.Zudem erinnern sich die Menschen an das schlechte Krisenmanagement bei der Sars-Epidemie in den Jahren 2002 und 2003. Damals hielten die Behörden Informationen zunächst zurück und verschlimmerten damit den Ausbruch der tödlichen Atemwegserkrankung, die aus der gleichen Erregerfamilie wie das neuartige Virus stammt. 774 Menschen starben an der Krankheit, die meisten davon in China und Hongkong.Peking kann derzeit nur reagierenDer chinesische Autor und Journalist Shi Ming zeigte sich in einem Interview mit dem „Deutschlandfunk“ überrascht von der aufgeheizten Stimmung im Land und der Überforderung der Parteiführung. Xi habe das Thema „nicht direkt zur Chefsache gemacht“ und auch in den Online-Netzwerken scheine sich trotz straffer Gesetzesvorschriften niemand um kritische Kommentare zu kümmern. „Zum ersten Mal schreiben sogar die Parteimedien über die Verfehlungen, zumindest auf Provinzebene“, sagt Shi.Die Kritik lässt sich ebenso schwer eindämmen wie das Virus. Die Parteiführung in Peking kann derzeit nur noch reagieren – und scheint damit ungewohnt überfordert.