J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Schwester wurde jahrelang von unserem Vater missbraucht – wie soll ich damit umgehen?

Liebe Frau Dr. Peirano,Ich schreibe Ihnen, weil ich nicht weiter weiß. Meine Schwester Nina hat mir vor ein paar Wochen gesagt, dass unser Vater sie über Jahre missbraucht hat. Nina war wohl ungefähr 10-13 Jahre alt, als unser Vater sie fast jeden Abend angegangen ist.Ich kann mir vorstellen, dass es stimmt, was sie sagt. Sie hatte immer ein merkwürdiges Verhältnis mit ihm und wurde sehr bevorzugt, was mich und unseren Bruder oft geärgert hat. Unsere Mutter hatte immer Stress mit Nina und hat ihr sehr viel verboten.Nina ist 31, ich bin 27, wir haben ein gutes Verhältnis, auch wenn wir nicht in der gleichen Gegend wohnen. Mir tut es so leid, dass ihr das passiert ist. Sie hat sich in der Pubertät sehr verhüllt und dicke Hoodies und schlabbrige Hosen getragen. Mit Jungs und Männern war es bei ihr immer etwas kompliziert. Ich kann das nicht genau in Worte fassen, aber sie wirkte nie von sich aus zärtlich oder interessiert.Nina ist seit einem Jahr in Therapie. Sie hat mit der Therapeutin besprochen, dass sie keinen Kontakt zu unseren Eltern will. Sie hat auch gesagt, dass sie es eigentlich lieber hätte, wenn ich mich auf ihre Seite stelle und auch den Kontakt zu unseren Eltern abbreche. Ich habe aber eigentlich eine gute Beziehung mit unseren Eltern, auch wenn Vater ein Alkoholiker ist und leicht cholerisch werden kann.Aber mir kommen jetzt so viele Bilder in den Kopf, wie Vater sie angegangen hat und sie nichts dagegen tun konnte. Ich weiß nicht, ob ich mit ihm so weitermachen kann wie bisher. Ich frage mich auch, ob er mir auch etwas angetan hat. Man liest ja öfter, dass viele Frauen sich nicht daran erinnern und das alles verdrängt haben. Und wie kann ich Nina helfen? Sie tut mir so leid, auch wenn sie sehr gefasst ist. Kann eine Therapie wirklich helfen, mit dem Missbrauch klar zu kommen?Ich habe so viele Fragen und brauche ihren Rat.Viele Grüße,Sarah B.Liebe Sarah B.,Es ist absolut verständlich, dass Sie nach der Offenbarung, dass Ihre Schwester von Ihrem Vater missbraucht wurde, durcheinander und schockiert sind! Diese Information bringt das Bild von Ihrer Familie ins Wanken und lässt Sie in große Abgründe blicken. Lassen Sie sich viel Zeit dafür, um alles in Ruhe anzuschauen und zu verarbeiten!Wenn ein Vater sein Kind missbraucht, ist das eine schlimme Sache und wird völlig zu Recht in unserer Gesellschaft als Verbrechen gewertet. Die betroffenen Kinder leiden lange, manchmal lebenslang unter den Folgen des Missbrauchs. Sie können depressiv werden, unter chronischen Schmerzen leiden, Essstörungen entwickeln, eine Alkohol- Tabletten oder Drogensucht entwickeln oder unter anderen Ängsten leiden. Häufig sind sie nicht in der Lage, gesunde Partnerschaften aufzubauen und eine lustvolle Sexualität zu erleben. Oder sie ordnen ihre Sexualität den Wünschen von Männern unter und werden z.B. Prostituierte. Die Symptome müssen nicht auftreten, aber sie treten gehäuft bei Menschen auf, die missbraucht wurden.Bio Julia PeiranoWenn ein Vater ein Kind missbraucht, ist es eine schwerwiegende Angelegenheit, weil er die Grenzen und Bedürfnisse seiner Tochter nicht respektiert. Er sollte eigentlich als Vater seine Tochter beschützen und ihr beibringen, eine liebevolle und angemessene Beziehung zu Männern aufzubauen. Er tut nichts davon, sondern nutzt sie dafür aus, seine sexuellen Bedürfnisse (und Bedürfnisse nach Macht) zu befriedigen. Das ist eine massive Überforderung für ein Kind. Ihre Schwester wird ihren Vater geliebt haben und versucht haben, ihm zu gefallen. Und dafür hat sie Dinge tun müssen, die weder altersgemäß, noch angemessen, noch von ihr gewünscht waren. Im Gegenteil, sie wird Ekel, Scham, Schmerzen und starken Druck empfunden haben.Häufig ist es in Familien, in denen der Vater ein Kind missbraucht so, dass die Mutter wegschaut. Eigentlich wäre es die Aufgabe einer Mutter, ihr Kind vor Missbrauch zu schützen, selbstverständlich auch vor ihrem eigenen Partner, falls das nötig ist. Ihre Mutter scheint irgendwelche Gründe gehabt zu haben, das zu übersehen und zu verleugnen, obwohl es sicher Anzeichen dafür gab (wie z.B. Ninas Verhüllung in der Pubertät, sicher auch die Beziehung zwischen Nina und ihrem Vater und andere Stimmungsschwankungen).Nina hat gespürt, dass sie sich nicht anvertrauen sollte, und dadurch dauerte der Missbrauch viele Jahre an. Das wird dazu führen, dass Nina auch große Schwierigkeiten hat, Vertrauen aufzubauen. Möglicherweise sind auch deswegen Ihre Beziehungen zu Männern nie glücklich gewesen.In einer guten Psychotherapie geht es darum, dass die Betroffene in einem vertrauensvollen Rahmen über den Missbrauch sprechen darf, ohne bedrängt oder genötigt zu werden. Die Therapeutin oder der Therapeut wird Stellung beziehen und den Missbrauch als schädliche Erfahrung (und als ein Verbrechen) einordnen. Er oder sie wird der Patientin glauben, ohne den Inhalt der Erzählungen zu verfälschen oder zu manipulieren.Als Therapieformen eignen sich Traumatherapie und auch Hypnotherapie nach Milton Erickson sehr gut. (Adressen von Therapeutinnen können Sie im Milton Erickson Institut in Ihrer Nähe nachfragen) In der Hypnotherapie kann der oder die Betroffene die schlimmen Erfahrungen in Hypnose nacherleben und auch die unterdrückten Gefühle (Ekel, Schmerz, Scham) wieder spüren. Das ist natürlich sehr schmerzhaft, aber es hilft enorm, die gemachten Erfahrungen neu einzuordnen, insbesondere weil die Therapeutin oder der Therapeut sie einfühlsam begleitet.Nachdem die schlimmste Erfahrung ans Licht gekommen ist, kann die Patientin oder der Patient sich aus einer erwachsenen Sicht seine Familie anschauen und entdecken, was da alles nicht gestimmt hat. Das weckt die Einsicht: Meine Schwierigkeiten liegen nicht daran, dass ICH nicht normal bin, sondern daran, dass mir Dinge passiert sind, die nicht normal waren.In der nächsten Therapiephase können dann in Trance gute Erfahrungen gemacht werden, die leider in einer durch Missbrauch geschädigten Familie nicht möglich waren.Erfahrungen in Hypnose sind oft genauso einprägsam wie reale Erfahrungen, und sie reichen definitiv aus, um im Gehirn neue Nervenverbindungen zu knüpfen.Eine Person, die missbraucht wurde, kann unter therapeutischer Erfahrung in Trance nacherleben, in einer Familie aufzuwachsen, wo sie geachtet und geschützt wird. Manchmal dient eine andere Familie dabei als Vorbild (z.B. Eltern einer Freundin, Onkel und Tante, eine nette Lehrerin und deren Mann). Wo die Eltern reife, erwachsene Menschen sind, die sich um ihre Kinder kümmern und angemessen und liebevoll mit ihnen umgehen. Wo Kinder willkommen sind, nur weil sie da sind. Und sie nicht zu Dingen gezwungen werden, die nicht gut für sie sind.Erfahrungsgemäß verändern diese Sitzungen sehr viel in den Patienten. Sie fühlen sich sicherer, treffen eigene Entscheidungen, ziehen Grenzen und spüren Gefühle, die verschüttet waren. Nachdem eine liebevolle Kindheit nacherlebt wurde, geht es darum, eine gesunde Pubertät in Hypnose nachzuerleben. Das heißt: Ich kann auf Jungen zugehen, weil ich es möchte, weil ich neugierig bin. Ich kann selbst die Erfahrungen steuern, die ich mache. Ich kann spielerisch Dinge ausprobieren und dabei Lust empfinden.Diese Therapiebausteine helfen sehr, den Missbrauch zu verarbeiten und sich in seinem Körper wohler zu fühlen, Gefühle zuzulassen und nach ihnen zu handeln, eigene Bedürfnisse wichtiger zu nehmen und Vertrauen aufzubauen.Ich hoffe, dass auch Nina in guten therapeutischen Händen ist und den Missbrauch und seine Folgen mit der Zeit verarbeiten kann. Vielleicht könnten Sie als Schwester auch einmal zu Therapiesitzungen mitkommen, z.B. auch um zu erzählen, was Sie mitbekommen haben, wie es Ihnen in der Familie ging und wie Sie den Kontakt zu Ihren Eltern austarieren können, damit Sie sich nicht verbiegen, aber loyal zu Nina sein können. Viele Therapeuten bieten Ihren Patienten an, Gespräche zu dritt mit Angehörigen zu führen, und das ist oft sehr sinnvoll.Ich wünsche Ihnen und Ihrer Schwester viel Mut und Kraft und dass Sie gestärkt daraus hervorgehen.Herzliche Grüße,Julia Peirano

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