Unterwegs auf der gefährlichsten Straße der USA: 318 Kurven auf 11 Meilen

Was dem Motorsportfan seine Nordschleife des Nürburgrings ist dem Amerikaner der Dragon Tail im Nordosten des Bundesstaates Tennessee an der Grenze zu North Carolina. 318 Kurven auf gerade einmal elf Meilen Bergstrecke der Appalachen – so etwas sucht man selbst in den europäischen Alpen vergeblich. Am Wochenende ist hier nicht nur in der Sommersaison die Hölle los. Hunderte von Bikern zieht es samstags, sonn- und feiertags an die Landstraße 129, die den Great Smoky Mountains National Park im Süden begrenzt. Die Ausblicke sind traumhaft, die Waldlandschaft mit kleinen Seen und Bächen beeindruckend; doch die meisten Verkehrsteilnehmer haben für derlei Paromama-Schwärmereien keine Zeit. Sie haben mit den mehr 300 Kurven zu kämpfen, ein stetes Auf und Ab auf gerade einmal 16 Kilometern Landstraße mit höchst abwechslungsreichen Kurvenradien und Verkehrsteilnehmern, die ihre Gerätschaften auf zwei und vier Rädern nicht immer voll im Griff haben. Seitdem in den späten achtziger Jahren ein wahrer Touristenboom von Sportwagen- und Motorradfahrern einsetzte, sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen. Dabei ist die kurvenreiche Strecke keine, die sich besonders schnell durchfahren lässt. Doch viele Kurven sind uneinsehbar, es gibt kurze Steigungen und Gefälle sowie schwierige Lichtverhältnisse.[Gallery]So voll es am Wochenende insbesondere bei schönem Wetter auf einer der bekanntesten Landstraße in der Osthälfte der USA ist, so wenig ist hier unter der Woche los. Die Landstraße, die ein ganzes Stück am Little Tennesse River verläuft, verbindet keine bedeutenden Städte, sondern ist eine Passage zwischen den Orten Robbinsville / Lake Santeetlah im Süden und Tallassee im Norden. Entsprechend gering sind dort Touristenströme, Last- und Transportverkehre. Keine Wunder, dass sich nicht nur Fans von Roadstern, Sportwagen und Motorrädern auf den Dragon Tail verirren, sondern regelmäßig auch getarnte Prototypen auf dem Endloswurm im Waldstück von Tennessee nach North Carolina unterwegs sind. Hersteller wie Chrysler, Cadillac oder Buick sind ebenso auf der Bundesstraße 129 unterwegs wie geheime Erlkönige aus dem Volkswagen Konzern, denn schließlich liegt das VW-Werk in Chattanooga nicht einmal zwei Stunden südlich. Aufgrund der Kurven, unterschiedlicher Fahrbahnoberflächen, Bergauf- und Bergabpassagen lässt sich auf der 129 sowie auf den Straßen in der Umgebung einiges über das Fahrverhalten eines Autos aussagen – genau das suchen die Testingenieure. Doch den Großteil des Verkehrs machen Renntouristen aus. Im Web existieren hunderte von Videos, in denen Piloten in Porsche 911, Ferrari 812, Honda NSX, Nissan Skyline oder Mazda MX-5 den Schwanz des Drachens in Rekordzeiten durchpflügen.In den USA ist der Tail of the Dragon zwar nicht ganz so bekannt wie die Nordschleife des Nürburgrings in Europa, doch nicht nur Motorradfans zieht es aus den ganzen USA zu den gewundenen 318 Kurven. Wer denkt, dass am rund 600 Meter hoch gelegenen Deals Cap und dem eigenen Motorcycle Resort nebst Tankstelle und Souvenirshops nur Fahrer von Sportmaschinen einkehren, irrt sich gewaltig. Die vermeintliche Kurvenhatz nehmen nicht zuletzt viele Tourenfahrer auf sich, die mit trägen Cruisern von Harley Davidson mehr Verkehrshindernis als Schrägfahrer im Grenzbereich sind. Die Streckenabschnitte haben die Sportfahrer auf vier und zwei Rädern das ganze Jahr über im Kopf. Crud Corner, the Chicanes, Parson Curve oder Shaw Grave Cap kennen viele ebenso wie die gefährlichsten Streckenabschnitte hinauf auf den legendären Pikes Peak, wo alljählich das bekannteste Bergrennen der Welt stattfindet. Dabei ist der Dragon Tail auch ohne offiziellen Rennbetrieb alles andere als ungefährlich. Davon zeugen nicht nur die zahlreichen Fotografen, die von morgens bis abends an der Strecke sitzen und ihre Bilder im Stundenrhythmus online stellen. So sind Fotos von Motorradunfällen genauso begehrt wie driftende Sportwagen und Piloten im eigenen Grenzbereich.Dabei steht der Dragon Tail der Nordschleife des Nürburgrings zumindest nicht in Sachen Devotionalien nach, denn an Krimskrams, Helmen, Shirts und Devotionalien hapert es an der Strecke nicht. Kurz bevor sich der Kurs Richtung Knoxville und Tapoco teilt, kann man in mehreren klenen Motels auch höchst bodenständig übernachten. Dabei gibt es nicht nur einen perfekten Blick auf die eigene Maschine oder das Auto vor der Tür, sondern auch auf den Tree of Shame (Baum der Schande), an dem verunfallte Bikes und Teile ikonisch inszeniert sind. Am Südende der elf Meilen langen Strecke gibt es eigenen separaten Harley Davidson Store inklusiv amerikanischem Diner. Vermarktung können sie eben die Amerikaner.

KategorienAllgemein