Vom Leben gelernt: Der Mann mit der Mütze – warum ein Leben ohne Haare gar nicht so einfach ist

„Mützen stehen dir echt gut!“Ein Satz, den ich in den vergangenen Jahren häufig gehört habe. Andere nehmen es mittlerweile als gegeben hin, dass sie mich bis in den April hinein nur noch mit Mütze sehen. Ehrlich gesagt: Ich hätte es auch gern anders. Aber mein Leben findet nun mal ohne Haare statt. Ich hatte mit 16 schon Geheimratsecken, mit 22 ein „Inselchen, das sich da vorne bildet“, wie es ein Kumpel charmant formulierte. Und mit 30 den Lacher im Friseursalon auf meine Kosten, als kurz vor Weihnachten eine Gratis-Kopfmassage angeboten wurde, „vor allem bei ihm hier wäre das gut“, hatte der Chef seiner Mitarbeiterin damals durch den halben Laden zugebrüllt. Als wären Friseurbesuche im Endstadium nicht schon grausam genug: Es gibt nichts Fieseres für Köpfe mit lichtem Haar als die 10.000-Watt-Beleuchtung von der Decke, die den ohnehin bescheidenen Status komplett ins Lächerliche zieht. Dass ich den Laden bis dato mit dem Kauf unwirksamer Mittelchen gegen Haarausfall gut durch die Jahre gebracht habe – es ärgert mich heute noch.“Du hast ja eine pflegeleichte Frisur!“Ich habe mich mit 32 Jahren zum radikalen Schnitt entschlossen. Drei Millimeter sind seither das Stichwort, und wenn ihr mich fragt: Diese Entscheidung hätte ich besser schon viele Jahre vorher getroffen. Denn das, was ich mir seither noch als Frisur verkauft hatte, war schon lange keine mehr. Je kürzer, desto besser – das ist mittlerweile mein Motto!“Du hast ja eine pflegeleichte Frisur!“ – „Mensch, hast du’s gut, du brauchst dir nie Gedanken um einen Haarschnitt zu machen.“ – „Darf ich mal anfassen?“ Es sind neben dem Mützenspruch die drei häufigsten Sätze, die ich in den vergangenen Jahren gehört habe. Dabei ist das Leben ohne Haare gar nicht so einfach, wie es vielen erscheint.Wer bin ich ohne Haare?Pflegeleicht ist ohne Haare nichts. Überlegt mal, wie oft ihr haarigen Gesellen zum Frisör müsst. Alle sechs Wochen? Oder nur alle acht? Unsereins muss sich alle zwei Tage rasieren, damit es nach was aussieht (oder besser gesagt: nach nichts). Das ist zwar günstig, aber nervig. Und es kostet Zeit. Mein Wissen um die Schönen und Reichen dieser Welt lässt mittlerweile ebenso zu wünschen übrig. Die Bunte oder Gala beim Frisör zu schmökern, war immer eine feine Sache.  Mittlerweile kann ich Florian Silbereisen nicht mal mehr von Stefan Mross unterscheiden.Auch Gedanken um eine andere Frisur würde ich mir liebend gerne wieder machen. „Ich mag es, dass du immer gleich aussiehst“, sagt meine Freundin. Sie hat wunderschöne lange Haare. Sie hat gut reden. Die meiste Wärme verliert man über den Kopf, lautet eine alte Weisheit. Sie stimmt zwar nicht (sie stammt aus einem Überlebens-Handbuch aus dem Jahre 1970 für amerikanische Soldaten). Dennoch ist der Kopf wärmeempfindlicher als andere Körperregionen. Sagen wir es so: Haare sind im Winter schon was Praktisches. Keine Haare: Im Sommer ist es auch nicht besserIn der dunklen Jahreszeit ist es ohne Haare auf dem Kopf saukalt. Kennt ihr das Gefühl, dass euch nach dem Frisörbesuch, wenn der Hinterkopf etwas freier geschnitten ist, ein Frischegefühl umweht? Kein Witz: Nach meiner erstmaligen Radikal-Rasur habe ich in der Nacht gefroren wie Hölle – im April. Und war froh, noch eine Mütze aus den Tiefen des Winterschranks zu angeln.Im Sommer ist die Sache auch nicht besser. Dass es ohne Haare kühler sein soll? Dass ich nicht lache. Die Sonne knallt einem dann direkt auf den Schädel. Wer Haare hat, kann sie nass machen – eine feine Abkühlung. Ich brauche ständig eine Kappe (und kriege davon Kopfschmerzen), einen Hut (der die Sonnenbrille einklemmt) oder ein Kopftuch (seit langer Zeit erste Wahl). Haare 21.00Immerhin strahle ich mittlerweile so etwas wie Männlichkeit aus. „Dir will ich nachts nicht in einer dunklen Gasse begegnen“, meinte meine Freundin neulich, als ich recht grimmig schauend in schwarzen Jeans, schwarzem Kapuzenpulli und mit schwarzer Mütze neben ihr herlief. Dass ich mir immer wieder scherzhafte Vergleiche mit Bruce Willis, Andre Agassi oder „The Rock“ anhören muss, nehme ich mittlerweile gelassen – oder fasse sie als Kompliment auf. Wobei man sagen muss: Die Jungs würden doch auch mit Haaren gut aussehen. Aber, und das spricht für sie: Alle Drei haben rechtzeitig die Reißleine gezogen. Im Gegensatz zu einigen anderen.Thomas Tuchel, zum Beispiel. Er hat seine Haar-Situation jahrelang ordentlich gelöst, aber mittlerweile … „Rasier sie ab, Mann!“, würde ich ihm gerne zurufen, aber deswegen extra nach Paris fahren, nun ja. Ein Kumpel von mir hat den Rat immerhin befolgt, er trägt nun „oben offen“ und dafür einen Hut – und sieht klasse aus! Denn frei mit Dale Carnegie gesprochen: „Reicht uns das Schicksal wenig Haare, dann sollten wir versuchen, eine Glatze draus zu machen.“ Eine Packung Shampoo reicht für zwei JahreSpätestens sobald man als Erwachsener nur noch für den Kinder-/Jugendpreis abgerechnet wird, ist es an der Zeit, klar Schiff zu machen – egal, wie sehr Dr. Klenk aus der Alpecin-Werbung an der Wachstumskurve zieht. „In der Tat“ verlängert sich da nämlich gar nichts mehr. Und das sollte man einsehen.Keine Haare haben nämlich auch ihr Gutes. Eine Packung Shampoo reicht mir mittlerweile für zwei Jahre. 

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